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60% der Deutschen wollen »Autofreie Städte«

vom BICICLI-Team

Viele Metropolen denken über autofreie Innenstädten nach. NGIN-Kolumnist Dahlmann denkt das weiter. Umsetzungsprobleme als Chancen für Gründer. BICICLI stimmt zu.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs.
Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

Zitiert von: https://ngin-mobility.com/artikel/autofreie-innenstadt-profitieren-startups/

Eine Umfrage im Rahmen der Deutschland Spricht Aktion hat ergeben, dass über 60 Prozent der Deutschen autofreie Innenstädte bevorzugen würden. Das ist eine überraschend hohe Zahl, auch wenn man bei der Frage nicht weißt, was hier genau als Innenstadt definiert wird. In Hamburg kann das der Bereich rund um die Binnenalster sein, in Berlin der innere Bereich des S-Bahnrings. Aber wie realistisch ist ein generelles Verbot von Fahrzeugen in der Innenstadt wirklich?

Greenfield: Houten (NL)

Die Niederländische Stadt Houten hat vor ein paar Jahren die gesamte Innenstadt autofrei gemacht. Stattdessen setzt man dort nun auf das Fahrrad und den ÖPNV. Die Ergebnisse sind vielversprechend. Neben weniger Unfällen, ist logischerweise auch die Umweltbelastung innerhalb der Stadt massiv zurückgegangen. Der Einzelhandel hat auch nicht gelitten, weil man in den Parkhäuser rund um die Innenstadt für die ersten zwei Stunden nichts bezahlen muss. Das lockt, so ein Bericht des Deutschlandfunk, zahlreiche Bürger aus naheliegenden Gemeinden an.

Next field: Oslo

Houten ist mit 50.000 Einwohnern allerdings eher eine Kleinstadt. Die norwegische Hauptstadt Olso ist mit ihren knapp 700.000 Bewohnern da schon ein anderes Kaliber. Ab 2019 sollen Teile der Innenstadt auch ohne Auto auskommen. Der Bereich umfasst immerhin 1,7 Quadratkilometer. Zum Vergleich: das entspricht ungefähr der Größe der Außenalster in Hamburg. In der Innenstadt von Oslo wohnen zwar nur 1.000 Menschen, dafür arbeiten dort tagsüber über 90.000 Norweger, die irgendwie zum Arbeitsplatz kommen müssen. Oslo baut dafür massiv den ÖPNV aus und setzt wie in Houten vor allem auf das Fahrrad. Nur Lieferfahrzeuge sollen zu bestimmten Uhrzeiten zugelassen werden.

Ein weiteres Beispiel ist Kopenhagen. Zwar hat man hier nicht die Forderung nach einer autofreien Stadt ausgesprochen, aber man will bis 2025 erreichen, dass 75 Prozent aller täglichen Strecken von den Bewohnern zu Fuß mit dem ÖPNV oder mit dem Fahrrad erledigt werden (Quelle, pdf)

Chancen für Startups aus der EU

Verbannt man die eine Form der Mobilität aus den Innenstädten, müssen Alternativen geschaffen werden. Dazu gehören Leihräder, E-Roller und E-Tretroller. Das sind alles Geschäftsbereiche, in denen vor allem Startups unterwegs sind. Für diese böte sich durch die Einführung einer autofreien Innenstadt also plötzlich eine gute Möglichkeit, ihre Angebote zu platzieren und auszubauen. Mehr Einnahmen und Relevanz würde außerdem bedeuten, dass europäische Startups endlich mit mehr Kapital ausgestattet werden, um auf den internationalen Markt zu expandieren. Das Rennen um die Zukunft der Mobilität wäre so noch lange nicht gegen Anbieter aus den USA oder China verloren.

Auch in Sachen Logistik böten sich neue Geschäftsfelder für Startups: Besucher der Innenstädte wollen ihre Einkäufe nicht stundenlang mit sich herumschleppen. Schon jetzt experimentieren einige Lieferdienste, die sonst nur Essen ausfahren, mit Sofort-Lieferungen für Einzelhändler. Denkbar wäre, dass Einzelhändler Einkäufe entweder direkt in die geparkten Autos liefern oder dass in der Stadt zusätzliche Lieferzentren entstehen. Dort könnten lokale Lieferdienste dann die Waren später zu den Käufern transportieren. Das macht dann aber nur Sinn, wenn diese Lieferdienste entweder das Fahrrad oder auf die E-Mobilität setzen.

Eine autofreie Innenstadt scheint auf den ersten Blick also gar keine so schlechte Idee. Unfälle würden reduziert und neue lokale Wirtschaftszweige entstehen. Mit einer langfristigen Planung für den nötigen Ausbau des ÖPNV und in Zusammenarbeit mit privaten Mobilitätsdienstleistern könnte so ein Szenario durchaus Realität werden.