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Bedarfsanalyse: Eine Million Radabstellplätze

ADFC und Deutsche Städte- und Gemeindebund sehen deutschlandweit einen erheblichen Mangel - insbesondere im Umland von größeren Städten. Eine Analyse.

Man kennt das: Viele, die regelmäßig mit dem Rad zum Bahnhof fahren, nehmen dafür oft ein Uralt-Exemplar, um das es nicht schade ist. Der Fachbegriff der Branche "S-Bahn-Schlampe". Denn meist gibt es zu wenige Stellplätze, an denen man die Drahtesel sicher und komfortabel anschließen kann, und die bestehenden sind mit Fahrradleichen gesegnet. Das soll sich nun ändern, so die Forderungen vieler Verbände.

Und die Anfänge sind tatsächlich bereits erkennbar, wie in Bernau bei Berlin. Am Bahnhof von Oranienburg steht ein nagelneues Fahrradparkhaus sogar samt Schließfächern, in denen man sogar den Akku des E-Bikes laden kann.

Die Situation in den anderen Kommunen Deutschlands liegt irgendwo zwischen diesen beiden Polen – doch meist auf der noch unbefriedigenden Hälfte, wie Experten unisono urteilen.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) etwa sprach vor einem Jahr nach einem bundesweiten Test von Bike+Ride-Anlagen von einer „Horrorstory“. Seither gab es zwar einige Bewegung bei dem Thema, „doch unter dem Strich ist es eher desaströs was die Abstellsituation an den Bahnhöfen angeht“, sagt ADFC-Sprecher René Filippek der dpa.

Unverbundener "Umweltverbund Fahrrad & ÖPNV"

In München stehen die Räder dicht gedrängt und ineinander verhakt in Ständern, in denen nur das Vorderrad - nicht aber der Rahmen - Platz findet. „Gerade viele große Bahnhöfe haben eigentlich gar keine reelle Abstellmöglichkeit, wie am Berliner Hauptbahnhof bis zum Dorfbahnhof, wo drei Abstellbügel stehen, die dann mit drei Schrotträdern belegt sind.“

Dabei seien der öffentliche Personennahverkehr und das Fahrrad eigentlich natürliche Verbündete. „Aber da möchte ich dann auch wissen, dass mein Rad am Bahnhof sicher steht. Gerade Hochwertiges lässt man ungern an irgendwelchen Bauzäunen über längere Zeit stehen“, betont Filippek.

Wie der ADFC sieht auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund deutschlandweit einen erheblichen Mangel. „Gerade im Umland der größeren Städte, wo viele Pendlerinnen und Pendler das Fahrrad zur Bahn benutzen, ist die Nachfrage enorm“, erläutert ein Sprecher. Der Ausbau der Stellplätze sei bei der Bahnreform nicht berücksichtigt worden. „Für die notwendige Verkehrswende brauchen wir jedoch nachhaltige Mobilitätsketten.“

Perspektivisch schätzt der Städte- und Gemeindebund den Bedarf auf mehr als eine Million zusätzlicher Stellplätze. Da ist die Initiative bike+ride nur ein Tropfen auf den heißen Stein – der aber immerhin eine kleine Abkühlung bringen soll. Bis zu 100.000 neue Fahrradstellplätze sollen dadurch bis Ende 2022 entstehen; dann wären es deutschlandweit rund eine halbe Million. Das Bundesumweltministerium übernimmt dabei 40 Prozent der Kosten. Grundsätzlich sollen alle förderfähigen Anträge bewilligt werden. Zum Vergleich: Allein Berlin hat in seinem 2018 verabschiedeten Mobilitätsgesetz, in dem erstmals in Deutschland auch die Radabstell-Infrastruktur festgelegt ist, 100.000 neue Stellplätze nur in der Hauptstadt vorgesehen.

Abstimmung Kommunen und Bahn schwierig

Im ersten „Antragsfenster“ Anfang des Jahres wurden zehn Anträge aus Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Hessen für 2700 neue Radabstellplätze eingereicht, wie das Ministerium der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Zudem gingen bei der Bahn 250 Anfragen für Vor-Ort-Besichtigungen ein. Für die zweite, derzeit laufende Bewerbungsphase rechnet das Ministerium deshalb mit einer größeren Nachfrage.

Ein immer wieder zu hörendes Problem: Die Kooperation zwischen den Kommunen und der Bahn ist kompliziert. Selbst der Verkehrsminister eines großen Bundeslandes klagte vor kurzem, er bekomme bei der Bahn keinen entscheidungsfähigen Gesprächspartner ans Telefon. Das soll im Rahmen der Initiative besser werden: Die Deutsche Bahn soll helfen, geeignete Standorte zu finden sowie die Abstellanlagen zu planen und zu montieren. Wenn sich die identifizierten Flächen nicht im Eigentum der Kommunen, sondern der Bahn befinden, soll die unentgeltliche Nutzung über Muster-Gestattungsverträge geregelt werden.

Was dann auf den Flächen passiert, hängt vor allem von der Finanzlage und den Prioritäten der jeweiligen Kommune ab. Als Vorbild werden von allen Seiten die Niederlande genannt, wo es eine gute Bedarfsermittlung und ein einfaches Prozedere von der Planung über die Finanzierung bis hin zum Betrieb von Fahrradabstellanlagen gibt. Resultat: Große über- und unterirdische Parkhäuser für bis zu 12.000 Fahrräder, in denen freie Plätze mit einem Wegeleitsystem angezeigt oder die Räder gar automatisiert geparkt werden. Wer einmal in Utrecht am Bahnhof sein Rad an 10.000 Plätzen parkte, weiss was "Fietsporno" meinen könnte.

Hinzu kommen Toiletten, Servicestationen mit Reparaturwerkstätten, Schließfächer – und sehr oft ein direkter Zugang zu den Bahnsteigen, was die Zeit zum Umsteigen minimiert. „So was ist für Fahrradfahrer natürlich ein Traum!“, urteilt die Fahrradexpertin des Verkehrsbündnisses Allianz pro Schiene, Nicol Mierz.

Positive Beispiele aus NRW

Doch da der Bau von Fahrradstationen auf breiter Front in Deutschland derzeit eher unrealistisch ist, wünscht sie sich in einem ersten Schritt sichere, trockene und beleuchtete Abstellmöglichkeiten, „nicht im hintersten Eck auf der Bahnhofsrückseiten-Nebenstraße unter einer Brücke“. Einsichtig und ohne tote Winkel sollten die Abstellflächen sein, gerne auch mit einzelnen – kostenpflichtigen – Boxen für hochwertige Räder.

Wie gut solche Möglichkeiten angenommen werden, zeigt das Projekt „Dein Radschloss“ in Nordrhein-Westfalen. Für einen Euro am Tag oder 70 beziehungsweise 90 Euro im Jahr können Radler sich dort einen Stellplatz in einer Garage oder eine eigene Box mieten. Online reservierbar, öffnen sich die Türen per PIN-Code oder Chipkarte. Gerade mit Blick auf den Hype bei E-Bikes der richtige Weg, findet Mierz. „Denn wenn ich mir für viele tausend Euro ein Fahrrad kaufe, will ich, dass es etwas geschützter steht als das, das ich von der Oma geerbt habe.“

Hinweis: Der Beitrag basierte auf eigenen wie auch auf Recherchen der dpa.